Rollin'Art Bloggt

01.11.2016

 

Wenn banale Probleme wieder Probleme werden

 

Tagebucheintrag vom 03.03.2011:

„Wenn banale Probleme wieder Probleme werden… Wenn ich eines Tages wieder über Dinge jammern könnte, die mich momentan höchstens zum Schmunzeln bringen, dann ist die Welt wieder in Ordnung!“

 

Nach meinem Unfall habe ich Tagebuch geführt, Gedanken niedergeschrieben. Heute bin ich sehr froh darüber, da ich mich an all die unterschiedlichen Gefühlslagen in dieser Zeit gar nicht mehr recht erinnern kann.

Ich weiß nur, dass ich schon so einige Male auf die Probe gestellt wurde. 

Mein Körper war anfangs ein einziges Rätsel für mich. So eine hohe Querschnittslähmung verändert einfach alles. Nicht nur, dass man plötzlich ca. 90 % seines Körpers nicht mehr bewegen kann. Auch viele, viel zu viele Körperfunktionen sind betroffen. Plötzlich bekommt man von einer Sekunde auf die andere starke Kopfschmerzen, weil man auf die Toilette muss. Kribbeln in den Wangen, wenn ein Schuh drückt. Oder man beginnt zu schwitzen, obwohl man ja eigentlich nicht schwitzen kann, wenn irgendwo etwas weh tut.

Zusätzlich zehrten zahlreiche Krankenhausaufenthalte und Operationen, Schmerzen und Rückschläge an meinen Kräften. Körperlich und vor allem psychisch.

Monatelang drehten sich meine Gedanken um existenzielle Fragen. „Werde ich immer auf Hilfe angewiesen sein? Kann ich mit der Diagnose Querschnittslähmung ein erfülltes Leben führen? Geliebt werden? Glücklich sein?“

 

Heute kann ich alle Zeichen meines Körpers deuten, weiß was wodurch verursacht wird, worauf ich achten und aufpassen muss. Auch habe ich Antworten auf all die Fragen, die ich mir damals gestellt habe. Ja, ich bin auch heute noch auf Hilfe angewiesen. Aber bei Weitem nicht mehr in dem Ausmaß, wie damals. Ich führe ein sehr erfülltes Leben. Werde geliebt und bin glücklich. Ja, ich bin sehr glücklich.

 

Und ich bin heute an dem Punkt angelangt, an dem die Welt wieder in Ordnung ist. Denn wie gerne jammere ich über schlechtes Wetter, einen Pickel im Gesicht oder wenn der Kaffee aus ist.

 

Aber es gibt etwas, das ich sehr vermisse. Es ist die Unbeschwertheit.

Mit einer Querschnittslähmung muss man an so vieles denken und beachten. Und auch, wenn man alle Regeln befolgt, kann man sich nie zu 100 % darauf verlassen , dass der Körper das tut, was man möchte. Man muss sehr geduldig mit sich und auch mit anderen sein. Und ein Organisationstalent. Spontanität wird oft zum Fremdwort. Auch fühlt sich mein Körper oft so unglaublich schwer an. Und Nervenschmerzen sind mein täglicher Begleiter.

 

Ich habe eine schöne Vorstellung im Kopf:

Einfach aus dem Rollstuhl aufzustehen und über eine Wiese zu laufen. So unbeschwert und frei. Das feuchte Gras zwischen den Zehen spüren…

 

 

Weil ich mir für mich und all die anderen Betroffen wünsche, dass diese Vorstellung irgendwann einmal Realität sein wird, unterstütze ich aus tiefstem Herzen und mit voller Überzeugung die Stiftung für Rückenmarksforschung Wings for Life.

 

Inwieweit eine Heilung von Querschnittslähmung in naher oder ferner Zukunft möglich sein wird, kann keiner so genau sagen. Aber jeder Fortschritt und jede neue Erkenntnis in diesem sehr komplexen Forschungsgebiet, kann uns vielleicht irgendwann das Leben unbeschwerter machen.

 

Alles Liebe,

Tina

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25.09.2016

 

Wie Glückselefanten mein Leben änderten

 

Schon wenige Tage nach meinem Unfall hatte ich das Bedürfnis zu malen. Ich weiß nicht warum. Kreativ war ich zwar schon immer, aber das Malen hatte keinen hohen Stellenwert in meinem bisherigen Leben. 

Meinem Wunsch folgend, brachte mir mein Papa Fingerfarben und einen Block auf die Intensivstation. So entstand mein erstes Bild. 3 Herzen und ein bisschen Gelb - für meinen kleinen Bruder. Sehr abstrakt, ich hatte ja zu diesem Zeitpunkt kaum Kontrolle über meine Hände.

Auch während der Reha entstand noch das ein oder andere Bild, aber es hatten dann andere Dinge Priorität.

 
Erst während meines „Selbstfindugsprozesses“ kam dann wieder das Gefühl in mir hoch, malen zu wollen.

Das war kurz vor Weihnachten 2010. Das Bild - ein Weihnachtsgeschenk für eine Oma. Ein Elefant.

In Indien ein Glückssymbol und seit meiner Weltreisende, von der ich kurz vor meinem Unfall zurück kam, mein Lieblingstier. Er steht für Stärke, Kraft und Liebe.

 

 

Das Malen machte mir in weiterer Folge immer mehr Spaß. Ich verbrachte Stunden damit. Eignete mir viele verschieden Techniken an und bekam immer mehr Zuspruch für meine Bilder und besonders für meine Glückselefanten. 

Im Oktober 2011 hatte ich dann meine erste Ausstellung. Alle waren begeistert und meine Bilder innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Noch am selben Abend entwarf ich mein Logo - einen Pinsel im Rollstuhl und kreierte meinen Künstlernamen „Rollin’Art“.

 

Jetzt hatte ich eine Aufgabe. Schmiedete so viele Pläne, steckte mir Ziele, träumte.

Was folgte, waren zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Highlights waren die Ausstellungen in New York und London und die Reisen dorthin. 

 

 

2014 wurde mir sogar der Kitz Award für meine Leistung in der zeitgenössischen Kunst verliehen.

Meine Kunst brachte und bringt mich mit so vielen tollen Menschen in Verbindung. Neue Freundschaften entstanden und entstehen. Und das positive Feedback motiviert mich tagtäglich.

 

Vor fast zwei Jahren erfüllte ich mir mit meiner eigenen Galerie, der Rollin’Art Gallery, einen riesengroßen Traum. Hier biete ich neben meinen Bildern auch meine eigene Schmuckkollektion an. Des weiteren gibt es Mode und Accessoires mit Glückselefanten, Fairtrade Kunsthandwerk aus Indien und viele weitere ausgewählte Besonderheiten. Meine Galerie ist ein ganz besonderer und bunter Ort in St. Johann i. Tirol, an dem man Lebenslust spüren, Fröhlichkeit erleben und seinen Liebsten eine Freude bereiten kann. Ich bin jedes Mal so stolz und überglücklich, wenn ich dort bin.

Menschen von überall her besuchen mein Geschäft, sind begeistert von meiner Arbeit. Bestellen in meinem Online Shop. Mittlerweile gebe ich auch Kreativ-Workshops für Kinder und halte Vorträge.

Ich habe noch 235.006 Ideen im Kopf, die ich gerne umsetzten möchte und meine Ziele-Liste liest sich auch sehr spannend.

Für nächstes Jahr sind Ausstellungen in Paris und Barcelona geplant.

 

Und das alles begann mit dem Glückselefant für meine Oma. Wer hätte das gedacht?

 

Alles Liebe,

Tina

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17. September 2016

 

„Mitten im Winter habe ich erfahren,
dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“
Albert Camus

 

Es ist gar nicht so leicht für mich, all das Geschehene in Texte zu verpacken. Es ist so vieles passiert. Positives, Negatives, Nervenzährendes, Emotionales, Freudiges, Hoffnungsvolles.

Es ist schwierig zu beschreiben, wie es mir nach dem einen Tag der alles veränderte, erging.

Rückblickend stelle ich fest, dass ich in den Tagen, Wochen, Monaten nach meinem Unfall in einer Art Vakuum gelebt habe. In einer Schneekugel. Diese kitschigen Staubfänger aus Glas, die so ziemlich jeder besitzt. In diesen Schneekugeln ist alles ruhig, friedlich, unschuldig, behütet - bis man sie schüttelt…

 

3 Wochen lag ich auf der Intensivstation. Diese Zeit war geprägt von Dingen, die ich mir gar nicht mehr vorstellen mag. Das Gefühl eines Schlauches, der einem durch die Nase bis in die Lunge geführt wird zum Beispiel. Da durch die hohe Querschnittslähmung auch die Atmung beeinträchtigt ist und ich auch nicht mehr richtig husten kann, musste mir immer der Schleim aus der Lunge gesaugt werden. Sehr unangenehm. Kann ich keinem empfehlen. Oder die CEPAP Atemübungen. Hier bekommt man eine Maske aufgesetzt und muss gegen einen Widerstand atmen. Leider bekam ich unter dieser Maske eine Panikattacke, hatte das Gefühl zu ersticken. Konnte sie aber nicht abnehmen, da ich mich ja nicht bewegen konnte.

 

Ich kann mich aber auch an viele schöne Momente erinnern. An den Tag, an dem ich das erste Mal meinen Arm anheben und meinem Bruder einen kleinen Teddybären entgegen schießen konnte. Den kleinen Bären habe ich heute noch.
An das Kirschen essen. Was wirklich lustig war. Denn ich konnte meine Hand noch nicht bis zu meinem Kopf bewegen und versuchte deshalb die Kirschen durch eine neu erlernte Wurftechnik in meinen Mund zu katapultieren. Trefferquote 1 zu 15. Die restlichen süßen Früchten lagen im Bett, darunter und kreuz und quer auf der Intensivstation verteilt. 

Oder an den einen Nachmittag, an dem ich das erste Mal ins Freie geschoben wurde. Meine ganze Familie war da. Es gab sogar Brötchen und Sekt. Ich wurde kurzerhand zum Buffet umfunktioniert. Das Gefühl der Sonnenstrahlen in meinem Gesicht, die frische Luft. Herrlich!

 

Dann wurde ich ins Reha Zentrum nach Bad Häring verlegt. Ich war voller Vorfreude, aber nicht wissend, was mich dort erwartet. Wie es mit mir weiter gehen wird. 

 

6 Monate wurde dies mein neues Zuhause. Mit kurzer Unterbrechung. Denn fiese Keime haben eine schlimme Entzündung in meinem Hals verursacht. Dort, wo Wochen zuvor noch alles fein säuberlich zusammengeschraubt wurde. So musste ich erneut operiert werden. Lag nochmal 2 Wochen auf der Intensivstation. Durfte weder trinken noch essen, da diese bösen Bazillen ein Loch in meine Speiseröhre gefressen hatten. Ja, das war schlimm, schmerzhaft und kräftezehrend. 

Dann wieder zurück. Nochmal auf Anfang. Durch den unfreiwilligen Abstecher in die Klinik habe ich die hart antrainierte Kraft wieder verloren.

Jetzt hieß es täglich trainieren. Alles neu erlernen. War ich glücklich, als ich mir das erste Mal wieder selbst die Zähne putzen konnte. Selbständig essen. Trinken. Mit der Fernbedienung umschalten. Nase kratzen. Schminken. Schreiben. Rollstuhl fahren. Anziehen. Der Moment, als ich mich das erste Mal flach auf dem Rücken liegend, durch eine spezielle Technik, aufsitzen konnte. Wochenlang haben wir das trainiert. Bis die Ellenbogen bluteten.

 

All diese Zeit während der Reha war es ruhig in meiner Schneekugel. Nie habe ich ernsthaft mit meinem Schicksal gehadert oder bin traurig über das gewesen, was mir zugestoßen war. Ich bin immer überzeugt davon gewesen, dass alles gut werden wird und dass es nicht so schlimm sei. War positiv, motiviert und guter Dinge.

 

7 Monate nach meinem Unfall kam ich nach Hause. Und dann wurde es unruhig in meiner kleinen heilen Welt. Ein Schneesturm zog auf. Die Realität holte mich ein. Erst Daheim wurde mir richtig bewusst, was eigentlich passiert war. Wie abhängig und auf Hilfe angewiesen ich plötzlich war. 

So viele Dinge, die ich nicht mehr tun konnte, so viele Orte, die unerreichbar wurden. Ich hatte keine Ziele mehr. Wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte und wer ich wirklich war. Ich fühlte mich oft alleine, nutzlos und traurig. Und zornig. Hatte Angst vor der Zukunft. Doch ich wusste auch, dass ich diese Gefühle zulassen, aber sie nicht Überhand nehmen durften. 

So begann ich herauszufinden, worin meine Stäken liegen und was ich immer noch machen konnte. Ich schaute nicht mehr in die Vergangenheit und auch nicht mehr darauf, was nicht mehr möglich war. Ich suchte neue Aufgaben, steckte mir Ziele.

 

So probierte ich in dieser Zeit viele Sachen aus und machte eine Art Selbstfindungsprozess durch. Ich beschäftigte mich intensiv mit dem Buddhismus. Darauf, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen, mit sich im Reinen zu sein, innere Ruhe zu finden, das Schöne sehen zu können. Und ich begann zu malen. 

 

Fortsetzung folgt!

 

Alles Liebe,

Tina

 

Positiv denken  alleine reicht nicht. Wir müssen uns öffnen für eine Sichtweise des Lebens , bei der wir in wirklichem innerem Frieden sind mit allem, was ist – eine Sichtweise, bei der wir unsere gesamte Wahrnehmung auf das Schöne statt auf Probleme ausrichten.

 

Egal, wo im Leben du stehst und wie deine Ausgangssituation ist: Das Leben hält für jeden ganz individuelle Möglichkeiten bereit, ein vollkommen glückliches Leben zu führen. Aber auch dafür ist es an erster Stelle wichtig, dass du dich selbst erkennst.

 

Weil du Glück bist, Glück ausstrahlst und Glück anziehst!

 

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  • Stephanie (Sonntag, 13. November 2016 20:24)

    Wow... liebe Tina... du bist eine wirklich sehr bewundernswerte Frau.. öffnest vielen die Augen & bist bestimmt ein großes Vorbild für sehr sehr Viele! So schön & berührend deine Texte zu lesen... danke für deine Offenheit & das teilen deiner Geschichte! Du hast deinen Weg gefunden .....danke für dein wunderbares Sein <3

  • Andrea Lanzendőrfer (Dienstag, 18. Oktober 2016 07:59)

    Vielen Dank fűr Deine berűhrenden Worte,
    Du hast mich aufgeweckt, wieder mehr dankbarer zu sein fűr das was ich in meinem Leben habe.
    Vielen Dank Tina!

  • Susanne (Freitag, 30. September 2016 11:53)

    Was für eine Motivation für mich! Welch ein starker Wille und welche Gnade so denken zu können.
    Namaste und Alles Gute
    von Herzen

  • Sylvia Michaelsen (Samstag, 17. September 2016 19:25)

    Im Jahre 2014 hatte ich einen Artikel über Dich gelesen und Dich angeschrieben,weil ich den Elefanten-Kalender 2015 haben wollte,der mich auch dieses Jahr begleitet. Jetzt Deine Geschichte noch
    einmal ausführlich lesen zu können,bewegt mich sehr! Ich werde dann ganz klein mit Hut, versuche noch weniger, wenn auch auf hohem Niveau, über Nichtigkeiten zu jammern. Und finde viel Freude und
    Zufriedenheit in kleinen Dingen. Du zeigst uns,daß man TROTZDEM ein gutes Leben führen und haben kann. Werde Deinen Blog weiter verfolgen und Dich so ein bisschen begleiten, ganz liebe Grüße von
    einer,die mit 66 Jahren schon ein gutes Stück Leben hinter sich hat, herzlichst Sylvia Michaelsen

 

 

13.09.2016

 

Mehr als nur nicht mehr gehen können

 

So, nun lag ich da. 

Tags zuvor eilte ich noch schnellen Schrittes zur Bergbahn, da ich ja verschlafen hatte. 

Es ist bis heute schockierend und faszinierend zugleich, was ein kleiner Bruch an der falschen Stelle im Körper anrichten kann.

Diagnose Querschnittslähmung! Verursacht durch einen Trümmerbruch des 6. Halswirbels.

Die Knochensplitter haben mein Rückenmark durchtrennt. Fast ironisch, dass ich mir zuvor nie irgendetwas gebrochen hatte. Und auch bei diesem Unfall war es „nur“ dieser eine kleine Knochen, aber mit verheerenden Folgen.

 

Am Tag nach meinem Unfall kamen meine Eltern und meine besten Freunde zu mir auf die Intensivstation. Diese Verzweiflung in ihren Gesichtern, die Hilflosigkeit. Kein Wunder, mein Anblick war bestimmt nicht so einfach zu verkraften. Wie ich so da lag. Angeschlossen an Maschinen.

Ich lächelte sie an. „Das ist nicht so schlimm, es wird alles gut“, sagte ich. 

 

Mein Ziel war klar: bald im Rollstuhl sitzen zu können. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich nur in der Lage, meinen Kopf zu bewegen und keiner wusste genau, was sich an meinem Zustand noch verbessern würde.

 

Mir war damals natürlich nicht bewusst, dass hinter der Diagnose Querschnittslähmung weit mehr steckt, als nicht mehr gehen zu können und dass ein langer und harter Weg vor mir lag.

 

Nach 8 Jahren und 7 Monaten im Rollstuhl bin ich mittlerweile Expertin und weiß ganz genau, was eine Rückenmarksverletzung mit sich bringt.

 

Wie man auf den Röntgenbildern sehen kann, ist mein 6. Halswirbel durch den Aufprall in mehrere Splitter zerborsten. Diese Splitter haben eine Schädigung des Rückenmarks verursacht.

Um meine Halswirbelsäule wieder zu stabilisieren, wurden bei einer Notoperation die Splitter entfernt und der Wirbel durch ein Stück Beckenknochen ersetzt. Zusätzlich wurde das Ganze mit einer Platte vom 5. bis zum 7. Halswirbel verschraubt. Diese Op will ich mir gar ich vorstellen. Unglaublich was Ärzte zu leisten im Stande sind. Seit diesem Tag schmückt mich u. a. eine 6 cm lange Narbe am Hals.

 

Querschnittslähmung ist so ein komplexes Thema und keine Verletzung gleicht der anderen. Aber ich möchte versuchen zu erklären, was im Körper passiert.

 

Im Rückenmark verlaufen motorische und sensorische Nervenfasern. Durch die Verletzung der Nervenfasern, die motorische Signale vom Gehirn an die Gliedmaßen weiterleiten, kommt es zu einer Muskellähmung. Also ich denke zwar daran, meine Beine zu bewegen, aber die Information kann nicht weitergeleitet werden. 

Die Zerstörung der sensorischen Nervenfasern verursacht den Verlust von Empfindungen wie Berührung, Druck, Schmerz und Temperatur. So z.B muss ich beim Duschen gut aufpassen, dass das Wasser nicht zu heiß ist. Ich würde mich sonst verbrennen, ohne es zu merken.

 

Weniger bekannt ist, dass eine Rückenmarksverletzung auch Körperfunktionen wie die der Blase und des Darms, den Blutdruck und die Temperaturregulierung schwer beeinträchtigen. Genau diese weniger bekannten Folgen der Verletzung machen das Leben mit einer Querschnittlähmung so schwierig. So z. B. ist mir im Winter immer kalt, weil sich mein Körper nicht wärmen kann und im Sommer besteht schnell Gefahr, einen Hitzschlag zu bekommen, weil ich nicht schwitzen kann. 

 

Es gibt jährlich mind. 250.000 akute Rückenmarksverletzungen weltweit.

Hauptursache sind nicht Extremsportarten, wie viele glauben, sondern Unfälle im alltäglichen Leben. Es kann jedem passieren. Seit ein paar Jahren halte ich Informationsgruppen für Frischverletzte im Rehabilitationszentrum in Bad Häring und es ist unglaublich, welche Geschichten man dort zu hören bekommt. Querschnittlähmung durch Sturz von der Ofenbank, Ausrutschen im Bad, Sturz von der Schaukel.

 

53 % dieser Unfälle führen zu einer Paraplegie, 47 % zu einer Tetraplegie.

Von einer Paraplegie spricht man, wenn die Rumpfmuskulatur und unteren Gliedmaßen von der Lähmung betroffen sind. Tetraplegie betrifft die Rumpfmuskulatur und alle 4 Gliedmaßen.

 

Grundsätzlich gilt: Je höher die Verletzungsstelle, desto schlimmer.

Ich habe eine sogenannte Tetraplegie. Betroffen sind bei mir alle 4 Gliedmaßen und die Lähmung startet oberhalb der Brust. Das heißt, ich kann weder meine Beine, noch meine Finger bewegen. Auch der Trizeps ist betroffen. 

 

Ich weiß, das klingt alles ziemlich schlimm und das ist es auch. Aber in meinem nächsten Blog Eintrag erzähle ich euch, wie es mir nach der Diagnose ergangen ist, wie es mir gelang, jetzt wieder ein fast selbständiges und glückliches Leben zu führen und warum ich trotzdem die Hoffnung auf Heilung niemals aufgebe.

 

Alles Liebe,

Tina

 

*Noch mehr Details findet ihr auf www.wingsforlife.com

 

 

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  • Grander Elisabeth (Dienstag, 13. September 2016 13:29)

    Ich weis noch wie es damals war, als wir von Deinem Unfall gehört haben. Allen ist das Herz stehen geblieben, und ich weis dass sehr viele Menschen an dich gedacht haben,und dir einen glücklicheren
    Ausgan gewünscht haben. Jedoch denke ich dass du eine extrem starke junge Frau bist. Ja, ich finde man sieht es dir echt an. Du hast auch so viel erreicht, und kannst stolz auf dich sein. Ich denke
    dass du ein tolles Vorbild für alle bist, da du nie aufgibst. Ich bin stolz DICH mit deinem tollen Geschäft und DEINER Energie in der Nachbarschaft zu haben. Chapeau.

 

 

12.09.2016

 

Der Tag, an dem plötzlich alles anders war.

 

Mein Handy läutet. 08:00 Uhr! Oh nein, ich habe verschlafen! Schnell ziehe ich mir eine schwarze Leggins und meinen weißen Lieblingspullover an. Snowboardhose und Jacke drüber, das brandneue Board unterm Arm und los geht’s. Mein kleiner Bruder Manuel und mein Papa warten schon bei der Talstation auf mich.

Ein traumhafter Wintertag, die Landschaft so friedlich und rein in weiß gehüllt. Ein Sonntag.

Der 3. Februar 2008.

 

Alles war wie immer. Wir fuhren eine Abfahrt. Die Pistenverhältnisse waren gut, das Wetter schön und wir genossen die gemeinsame Zeit.

Und dann von einer Sekunde auf die andere war plötzlich alles anders.

Bei der 2. Abfahrt verkantete sich mein Snowboard und ich flog durch die Luft. Wenn ich heute daran denke, erscheint mir alles wie in Zeitlupe. Ich sehe meine Arme vor meinem Gesicht, wie ich wie eine Kugel auf der Piste aufschlage. Genau auf den Nacken. Und dann war da nichts mehr. Leere.

Als ob nur noch mein Kopf im Schnee liegen würde. Kein Empfinden. Keine Bewegung.

 

Mein Papa kam mir gleich zu Hilfe. Die Panik in seinem Gesicht werde ich nie vergessen. 

Ich bat ihn, das Snowboard von meinen Beinen zu lösen und er sagte, dass er das schon längst gemacht habe. Er löste das Snowboard von meinen Beinen und ich spürte es nicht. 

 

Mir war klar, dass irgendetwas ganz Schlimmes passiert sein musste. 

 

Dann kamen auch schon die Bergretter. Diese alarmierten sofort den Notarzt und Hubschrauber. Anspannung war zu spüren. Die Wartezeit erschien mir wie eine Ewigkeit. 

Dann endlich das erlösende Geräusch der Rotorblätter. Papa legte mir eine Decke über das Gesicht, als der Hubschrauber landete. Ich spürte die feinen Schneekristalle auf meiner Haut.

Dann wurde ich ins Krankenhaus St. Johann geflogen. 

 

Mein weißer Lieblingspullover wurde mir vom Körper geschnitten. Nach dem Röntgen sagte mir ein Arzt, dass etwas Schlimmes passiert war und es nicht gut aussehe. Als letztes kann ich mich noch daran erinnern, wie meine Eltern neben mir standen, beide so verzweifelt, voller Angst. Dann wollte ich nur noch schlafen, ich fühlte mich so unglaublich müde.

 

Die nächsten verschwommenen Erinnerungen habe ich an die Intensivstation in Innsbruck. Dort bin ich aufgewacht, neben all diesen so schwer verletzten Menschen und den vielen Maschinen mit den monotonen Geräuschen.

 

Dieser alles verändernde Tag ist nun schon über 8 Jahre her. Es ist unglaublich wie schnell die Zeit vergeht. Ich möchte euch in den nächsten Tagen hier auf meinem Blog einen kleinen Einblick geben, was sich seit dem 3. Februar 2008 alles in meinem Leben verändert hat, was die Diagnose Querschnittslähmung bedeutet und was es mit meinen Glückselefanten auf sich hat.

 

Alles Liebe,

Tina

 

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  • Sabine (Montag, 12. September 2016 23:31)

    Woooowwwww
    Tapferes tolles Mädchen, danke das Du uns Teil haben lässt

  • Schipflinger Juliane (Montag, 12. September 2016 16:22)

    Ich habe aber selten so einen positiven Menschen mit so einer Ausstrahlung getroffen.

  • Bettina Wiedmayr (Montag, 12. September 2016 16:09)

    Danke Tina.....für deine Zeilen. Gerade in unserer schnellen und raschen Welt sollte man hin und wieder inne halten und nachdenken wie gut es und doch geht. Mit deiner Geschichte bzw. Geschichten bin
    ich mir ganz sicher du regst zum Nachdenken an.....meinen ganz großen Respekt!!! Wirklich berührende Zeilen, danke Tina!

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