Über Mut, wenn man eigentlich Angst hat

Ich glaube, ich hatte früher ein ziemlich falsches Bild davon, was es bedeutet, mutig zu sein.

Mutig sind die Menschen, die sich etwas trauen. Die keine Angst haben, einfach machen, große Entscheidungen treffen und scheinbar mit einer Selbstverständlichkeit durchs Leben gehen, während man selbst noch ungefähr 27 Szenarien im Kopf durchspielt, was alles schiefgehen könnte.

Heute sehe ich das anders.

Denn wenn ich auf die Momente in meinem Leben zurückblicke, in denen ich wirklich mutig sein musste, dann waren das fast nie die Momente, in denen ich mich besonders stark gefühlt habe. Ganz im Gegenteil. Oft hatte ich Angst, Zweifel oder überhaupt keine Ahnung, ob das, was ich gerade mache, die richtige Entscheidung ist.

Vielleicht beginnt Mut genau dort: nicht wenn die Angst weg ist, sondern wenn wir uns trotz ihr bewegen.

Mut und Angst passen ziemlich gut zusammen

Eigentlich klingt es widersprüchlich. Wie kann ich mutig sein, wenn ich gleichzeitig Angst habe?

Aber wenn wir genauer darüber nachdenken, braucht es ohne Angst wahrscheinlich überhaupt keinen Mut.

Wenn ich etwas tue, bei dem ich mich vollkommen sicher fühle, von dem ich genau weiß, wie es ausgeht und bei dem ich nichts zu verlieren habe, dann ist das vielleicht schön und angenehm – aber besonders mutig ist es nicht.

Mut brauchen wir dort, wo wir eben nicht wissen, was passieren wird.

Wenn wir einen neuen Weg einschlagen. Wenn wir jemandem sagen, was wir wirklich fühlen. Wenn wir eine Entscheidung treffen, obwohl uns niemand garantieren kann, dass sie richtig ist. Wenn wir etwas beenden, das lange zu unserem Leben gehört hat. Wenn wir nach einer Enttäuschung noch einmal vertrauen. Oder wenn wir etwas ausprobieren, obwohl diese kleine Stimme im Kopf ziemlich überzeugend erklärt, warum wir es besser bleiben lassen sollten.

Mut ist für mich deshalb nicht das Gegenteil von Angst. Angst gehört oft einfach dazu.

Ich kenne diese Angst ziemlich gut

Wenn Menschen meine Geschichte kennen, wird mir manchmal gesagt, wie mutig ich sei. Und natürlich freut mich das. Gleichzeitig denke ich mir manchmal: Wenn ihr wüsstet, wie oft ich selbst Angst habe.

Es gab in meinem Leben einige Situationen, in denen ich keine andere Wahl hatte, als mit Veränderungen umzugehen. Mein Unfall gehört natürlich dazu. Innerhalb kürzester Zeit war vieles anders und ich musste mich mit einer Realität auseinandersetzen, die ich mir niemals ausgesucht hätte.

Aber es gab auch viele andere Situationen, in denen ich sehr wohl eine Wahl hatte.

Meine Reisen zum Beispiel. Den Rucksack zu packen und loszuziehen klingt im Nachhinein nach Abenteuer und Freiheit. Und das war es auch. Aber natürlich gab es davor Zweifel und Unsicherheit. Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, wem ich begegnen würde und ob ich mit allem zurechtkommen würde.

Später war es Rollin’Art. Aus meinen Bildern etwas Eigenes zu machen, meine Kunst zu zeigen, ein Unternehmen aufzubauen, Menschen einzustellen und Verantwortung zu übernehmen – all diese Dinge kamen nicht mit einer eingebauten Garantie, dass sie funktionieren würden.

Und auch die Entscheidung, Rollin’Art zu schließen, hat unglaublich viel Mut gebraucht. Vielleicht sogar eine ganz andere Art von Mut als das Gründen.

Denn manchmal besteht Mut nicht darin, etwas anzufangen.

Manchmal besteht er darin, sich einzugestehen, dass etwas so nicht mehr weitergehen kann.

Und dann kam noch eine Entscheidung, mit der ich selbst vor einigen Monaten nicht gerechnet hätte: Rollin’Art noch einmal eine Chance zu geben und einen neuen Weg einzuschlagen.

Auch dabei kann mir niemand sagen, wie alles ausgehen wird.
Natürlich macht mir das manchmal Angst.
Aber heute weiß ich: Das darf es auch.

Wir warten so oft darauf, uns endlich bereit zu fühlen

Ich kenne diesen Gedanken selbst sehr gut: Ich mache es, wenn ich mich bereit fühle.

Wenn ich sicherer bin. Wenn ich weniger Angst habe. Wenn ich mehr weiß. Wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Wenn die Umstände besser passen.

Das Problem ist nur: Dieser Moment kommt erstaunlich oft nicht.

Manche Entscheidungen fühlen sich auch dann noch groß an, wenn wir hundertmal darüber nachgedacht haben. Vor manchen Gesprächen sind wir auch dann nervös, wenn wir sie im Kopf schon komplett durchgespielt haben. Und bei manchen neuen Wegen wissen wir erst, ob sie richtig waren, nachdem wir sie tatsächlich gegangen sind.

Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht darauf warten, dass die Angst verschwindet. Vielleicht dürfen wir einfach anfangen, obwohl sie noch da ist.
Nicht immer mit einem riesigen Sprung. Manchmal reicht ein ziemlich kleiner Schritt.

Eine Nachricht schreiben. Einen Termin vereinbaren. Eine Idee aussprechen. Jemanden um Hilfe bitten. Nein sagen. Ja sagen. Sich informieren. Etwas ausprobieren.

Der erste Schritt muss nicht beeindruckend aussehen. Er muss uns nur ein kleines Stück weiterbringen.

Mut kann unglaublich leise sein

Wir verbinden Mut oft mit großen Geschichten. Mit Menschen, die etwas Außergewöhnliches wagen, alles hinter sich lassen oder scheinbar furchtlos ihren eigenen Weg gehen.

Aber ich glaube, ein großer Teil des Mutes in unserem Leben passiert dort, wo niemand zuschaut.

Es kann mutig sein, morgens aufzustehen, wenn gerade alles schwer ist. Eine Grenze zu setzen, obwohl man Angst hat, jemanden zu enttäuschen. Ehrlich zu sagen: „Mir geht es gerade nicht gut.“ Um Hilfe zu bitten, obwohl man normalerweise immer alles alleine schafft. Sich aus einer Situation zu lösen, die einem nicht mehr guttut. Nach einer schwierigen Zeit wieder Pläne zu machen. Oder nach einem Rückschlag noch einmal zu versuchen, an sich selbst zu glauben.

Keiner dieser Momente braucht Applaus, um mutig zu sein.

Und vielleicht sollten wir uns selbst viel öfter zugestehen, dass wir längst mutiger sind, als wir glauben.

Mut bedeutet auch nicht, immer weiterzumachen

Dieser Gedanke ist mir besonders wichtig.

Wir erzählen Mut gerne als Geschichte vom Durchhalten. Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitermachen. Aber manchmal ist genau das Gegenteil mutig.

Manchmal ist es mutig, aufzuhören. Die Meinung zu ändern. Einen Traum loszulassen, der nicht mehr der eigene ist. Sich einzugestehen, dass man erschöpft ist.
Oder einen Weg zu verlassen, nur weil man schon sehr lange darauf unterwegs war.

Ich habe selbst lernen müssen, dass Durchhalten nicht automatisch Stärke bedeutet. Manchmal halten wir an Dingen fest, weil wir Angst davor haben, was passiert, wenn wir sie loslassen.

Deshalb versuche ich heute weniger zu fragen: Halte ich das noch irgendwie aus?
Sondern vielmehr: Fühlt sich dieser Weg für mich noch richtig an?

Die Antwort darauf ist nicht immer angenehm. Aber sie kann unglaublich viel verändern.

Was, wenn es schiefgeht?

Diese Frage kennen wahrscheinlich die meisten von uns.

Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Was, wenn ich scheitere? Was, wenn andere meine Entscheidung nicht verstehen? Was, wenn ich es bereue?

Ich habe darauf leider auch keine magische Antwort.
Denn ja, Dinge können schiefgehen.

Wir können falsche Entscheidungen treffen. Wir können scheitern. Wir können uns überschätzen, unsere Meinung ändern oder irgendwann feststellen, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, doch nicht unserer ist.

Aber ich glaube inzwischen, dass eine andere Frage mindestens genauso wichtig ist:

Was, wenn ich es nicht versuche?

Was, wenn ich aus Angst an einem Ort bleibe, an dem ich eigentlich nicht mehr sein möchte? Was, wenn eine Idee immer nur eine Idee bleibt? Was, wenn ich irgendwann zurückblicke und merke, dass nicht das Scheitern mein größtes Problem war, sondern dass ich mich nie getraut habe?

Auch darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Nicht jede Angst muss überwunden und nicht jedes Risiko eingegangen werden.

Aber manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Warnt mich meine Angst gerade wirklich vor etwas – oder hält sie mich einfach nur in dem fest, was ich bereits kenne?

Vielleicht müssen wir die Angst gar nicht besiegen

Ich mag den Gedanken nicht besonders, dass wir unsere Ängste immer „besiegen“ müssen. Vielleicht müssen wir nicht ständig gegen sie kämpfen.
Vielleicht dürfen wir ihnen zuhören, verstehen, was sie uns sagen möchten, und dann selbst entscheiden, ob sie bestimmen dürfen, welchen Weg wir gehen.

Ich habe vor neuen Dingen noch immer Angst. Ich zweifle an Entscheidungen, denke zu viel nach und wünsche mir manchmal auch eine Glaskugel, die mir einfach sagt: Mach das, es wird gut.
Leider habe ich diese Glaskugel bis heute nicht gefunden.

Was ich aber gelernt habe, ist, dass ich nicht hundertprozentig sicher sein muss, um den nächsten Schritt zu machen.
Und dass ich mir selbst inzwischen mehr zutraue als früher. Nicht weil immer alles funktioniert hat.

Sondern vielleicht gerade, weil es das nicht hat.

Ich weiß heute, dass Wege anders verlaufen können als geplant und trotzdem irgendwohin führen. Dass man Entscheidungen korrigieren darf. Dass man Hilfe annehmen kann. Dass man nach einem Rückschlag wieder anfangen kann. Und dass man nicht immer wissen muss, wie die ganze Geschichte ausgeht, um das nächste Kapitel aufzuschlagen.

Vielleicht brauchst du gerade auch ein bisschen Mut

Vielleicht stehst du gerade selbst vor einer Entscheidung. Vielleicht gibt es etwas, das du schon lange tun möchtest, aber immer wieder verschiebst. Vielleicht weißt du sogar ziemlich genau, was dein nächster Schritt wäre, und hast trotzdem Angst davor.

Dann möchte ich dir nicht sagen: „Hab keine Angst.“

Denn vielleicht hast du sie. Und vielleicht gibt es dafür sogar gute Gründe.
Ich möchte dir lieber etwas anderes sagen:

Du darfst Angst haben und trotzdem mutig sein.

Du musst heute nicht den ganzen Weg kennen. Du musst nicht wissen, ob alles funktioniert, und du musst auch niemandem beweisen, wie stark du bist.

Vielleicht reicht es für heute, dich zu fragen:

Was würde ich tun, wenn meine Angst nicht entscheiden dürfte?

Und dann schau, ob du davon einen einzigen kleinen Schritt gehen kannst.
Nicht perfekt. Nicht furchtlos. Nicht mit der Garantie, dass alles gut wird.

Einfach mit ein bisschen Vertrauen in dich selbst und der Bereitschaft, herauszufinden, was hinter dem nächsten Schritt auf dich wartet.
Denn wenn ich eines gelernt habe, dann ist es wahrscheinlich das:

Mut fühlt sich nicht immer mutig an. Manchmal fühlt er sich einfach nur nach Herzklopfen an und danach, es trotzdem zu tun. 💛

Alles Liebe,
deine Tina

Tina Hötzendorfer