Was mein Unfall mich über Glück gelehrt hat

Wenn mich heute jemand fragt, was Glück für mich bedeutet, dann ist meine Antwort wahrscheinlich eine andere, als sie es früher gewesen wäre.

Nicht, weil ich seit meinem Unfall plötzlich jeden Sonnenuntergang bewusster wahrnehme, jeden Morgen dankbar aufwache und seither genau weiß, worauf es im Leben ankommt. So einfach ist es nicht. Und ehrlich gesagt mag ich diese Vorstellung auch nicht besonders.

Denn manchmal ist das Leben einfach schwer. Manchmal darf man traurig, wütend, enttäuscht oder verzweifelt sein. Man muss nicht in jedem Schicksalsschlag sofort einen Sinn finden und schon gar nicht dankbar dafür sein.

Was mein Unfall mir aber über die Jahre gezeigt hat, ist etwas anderes: Glück bedeutet für mich nicht, dass immer alles gut ist. Glück bedeutet, die guten Dinge trotzdem noch sehen zu können.

Ein Tag, der mein Leben verändert hat

Am 3. Februar 2008 hat sich mein Leben innerhalb weniger Sekunden komplett verändert. Ein schwerer Snowboardunfall stellte plötzlich vieles auf den Kopf, was bis dahin selbstverständlich gewesen war.

Es gab mein Leben davor – mit meinen Plänen, Vorstellungen und einer gewissen Selbstverständlichkeit darüber, wie meine Zukunft aussehen würde. Und dann gab es plötzlich ein Danach, in dem vieles neu gedacht, gelernt und angenommen werden musste.

Natürlich war das nicht einfach.

Es gab Ängste, Wut, Trauer und wahrscheinlich alle anderen Gefühle, die man sich vorstellen kann. Es gab Dinge, die ich verloren hatte und vermisste, Situationen, die mich an meine Grenzen brachten, und Fragen, auf die niemand eine gute Antwort hatte.

Und nein, ich bin nicht eines Morgens aufgewacht und habe beschlossen, ab jetzt einfach positiv zu denken. So funktioniert das echte Leben meiner Erfahrung nach nicht.

Ich musste nicht lernen, immer positiv zu sein

Gerade weil bei Rollin’Art so viel von Lebensfreude, Glück, Mut und Zuversicht die Rede ist, ist mir dieser Punkt wichtig.

Ich glaube nicht an ein Leben, in dem wir alles Negative möglichst schnell wegdenken sollten. Ich glaube auch nicht, dass hinter jedem schweren Moment automatisch eine großartige Chance steckt oder dass alles aus einem bestimmten Grund passiert.

Manche Dinge hätte ich mir ganz einfach anders gewünscht.

Und trotzdem habe ich mit der Zeit gemerkt, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können.

Ich kann traurig über etwas sein, das nicht mehr möglich ist, und mich gleichzeitig unglaublich über etwas freuen, das möglich ist. Ich kann einen richtig schlechten Tag haben und trotzdem über einen vollkommen absurden Blödsinn lachen. Ich kann Angst vor etwas haben und trotzdem mutig sein. Ich kann mein Leben lieben und trotzdem Dinge daran manchmal richtig beschissen finden.

Das eine nimmt dem anderen nichts weg.

Vielleicht war genau das eine meiner wichtigsten Erkenntnisse über Glück.

Glück ist für mich viel kleiner geworden und gleichzeitig viel größer

Früher denken wir bei Glück oft an die großen Dinge. Dass etwas gelingt, dass ein Wunsch in Erfüllung geht, dass wir ein bestimmtes Ziel erreichen oder dass unser Leben ungefähr so verläuft, wie wir es uns vorgestellt haben.

Nach meinem Unfall hat sich mein Blick darauf verändert.

Ich habe begonnen zu merken, wie unglaublich viele kleine Dinge in einem normalen Tag stecken, die wir leicht übersehen, weil sie eben normal sind.

Ein Mensch, bei dem man einfach man selbst sein kann. Ein richtig gutes Gespräch. Sonne im Gesicht. Reisen und neue Orte entdecken. Ein Lied, das sofort gute Laune macht. Gemeinsam lachen, bis einem der Bauch wehtut. Kreativ sein und dabei völlig die Zeit vergessen. Ein Kaffee mit einem Lieblingsmenschen. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, das man sich vorher nicht zugetraut hat.

Diese Momente lösen nicht alle Probleme. Sie machen Schwieriges nicht ungeschehen und sie müssen auch nichts reparieren.

Aber sie sind trotzdem da.

Und irgendwann habe ich verstanden, dass ich nicht warten muss, bis in meinem Leben alles perfekt ist, um Glück empfinden zu dürfen.

Vielleicht ist Glück nicht der Zustand, in dem endlich nichts Schwieriges mehr da ist. Vielleicht sind es genau diese kleinen hellen Momente mitten in allem anderen.

Auch Mut fühlt sich für mich heute anders an

Ich habe lange darüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, mutig zu sein.

Von außen sieht Mut oft ziemlich groß aus. Eine schwierige Situation meistern, etwas Besonderes erreichen, einen völlig neuen Weg einschlagen.

Aber viele der mutigsten Momente im Leben sehen von außen wahrscheinlich ziemlich unspektakulär aus.

Manchmal ist Mut, etwas Neues auszuprobieren, obwohl man Angst davor hat. Manchmal ist es, um Hilfe zu bitten. Eine Entscheidung zu treffen, von der man nicht weiß, ob sie richtig ist. Etwas loszulassen, das lange ein Teil des eigenen Lebens war. Oder nach einer Enttäuschung trotzdem wieder einen neuen Versuch zu wagen.

Mut bedeutet für mich nicht, keine Angst zu haben.

Ich glaube, Mut bedeutet viel öfter, die Angst mit einzupacken und trotzdem loszugehen.

Und vielleicht ist es mit Zuversicht ganz ähnlich. Zuversichtlich zu sein heißt für mich nicht, sicher zu wissen, dass alles gut ausgehen wird. Es bedeutet eher, nicht auszuschließen, dass wieder etwas Gutes kommen kann.

Dieser kleine Unterschied ist für mich unglaublich wichtig.

Ich bin meinem Unfall nicht dankbar

Diesen Satz möchte ich ganz bewusst schreiben.

Man hört nach schweren Lebensereignissen häufig Sätze wie: „Am Ende war es für etwas gut“ oder „Ohne das wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.“

Natürlich hat mein Unfall mich geprägt. Er hat meinen Blick auf das Leben verändert, meine Kunst beeinflusst und letztendlich auch die Geschichte von Rollin’Art mitgeformt.

Aber deshalb muss ich nicht dankbar dafür sein, dass er passiert ist.

Ich glaube, wir dürfen unterscheiden zwischen dem, was uns passiert, und dem, was wir irgendwann daraus machen.

Auf das, was passiert ist, hatte ich keinen Einfluss. Aber irgendwann konnte ich wieder beginnen, Einfluss darauf zu nehmen, wie mein Leben danach aussehen soll.

Und darauf bin ich stolz.

Nicht jeden Tag gleich stark, nicht immer optimistisch und ganz bestimmt nicht ohne Umwege. Aber Schritt für Schritt.

Vielleicht ist genau daraus Rollin’Art entstanden

Nach meinem Unfall bekam das Malen und Zeichnen für mich eine ganz neue Bedeutung. Farben wurden zu meiner Sprache und in meinen Bildern entstanden Figuren, Geschichten und Botschaften, die bunt und lebensfroh waren.

Nicht, weil mein Leben plötzlich wieder leicht war. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Ich hatte erfahren, wie dunkel sich manche Tage anfühlen können, und gleichzeitig gemerkt, wie wertvoll die kleinen hellen Momente darin sind.

Aus meinen Zeichnungen wurden irgendwann Produkte und aus diesen Produkten entstand Rollin’Art. Wenn ich heute darauf zurückblicke, verstehe ich noch besser, warum sich bestimmte Gedanken durch meine Bilder und unsere Produkte ziehen: Glück, Mut, Zuversicht, Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit und immer wieder diese kleinen Lichtblicke.

Rollin’Art soll nicht sagen: „Sei glücklich.“

Vielmehr möchte ich sagen:

„Vergiss das Glück nicht, wenn es irgendwo ganz klein um die Ecke kommt.“

Glück darf auch an einem schlechten Tag passieren

Vielleicht kennst du diese Tage, an denen einfach alles zu viel ist. An denen du keine Lust auf einen positiven Spruch hast und schon gar nicht darauf, dass dir jemand erklärt, du müsstest nur deine Einstellung ändern.

Dann musst du auch nicht glücklich sein.

Du musst aus diesem Tag nichts Besonderes machen, keine Lektion darin finden und ihn nicht mit Gewalt in etwas Positives verwandeln.

Aber vielleicht passiert trotzdem irgendwo ein kleiner guter Moment.

Vielleicht schreibt dir genau dann jemand eine liebe Nachricht. Vielleicht scheint für fünf Minuten die Sonne. Vielleicht bringt dich etwas völlig Unerwartetes zum Lachen. Vielleicht schmeckt der Kaffee heute besonders gut oder dein Lieblingslied läuft genau dann im Radio, wenn du es brauchst.

Der schlechte Tag darf deshalb trotzdem ein schlechter Tag bleiben.

Aber der kleine schöne Moment darf genauso wahr sein.

Ich glaube, genau das ist die Art von Lebensfreude, an die ich heute glaube.

Was Glück für mich heute bedeutet

Fast zwanzig Jahre nach meinem Unfall habe ich natürlich nicht auf alles eine Antwort. Wahrscheinlich habe ich heute sogar mehr Fragen über das Leben als damals.

Aber ich weiß, dass ich nicht auf ein perfektes Leben warten möchte, um meines zu genießen.

Ich möchte reisen, lachen, lieben, kreativ sein, manchmal zweifeln, Fehler machen, neue Dinge ausprobieren, mich über Kleinigkeiten freuen und an manchen Tagen auch einfach schlecht drauf sein dürfen.

Ich möchte das Leben nicht schönreden.

Ich möchte das Schöne darin nur nicht übersehen.

Vielleicht ist das die größte Sache, die mein Unfall mir über Glück beigebracht hat: Wir können nicht bestimmen, was das Leben für uns bereithält. Manche Dinge würden wir niemals freiwillig wählen und manche Wege sehen vollkommen anders aus, als wir sie einmal geplant hatten.

Aber mitten in all dem dürfen wir trotzdem lachen. Wir dürfen genießen. Wir dürfen uns verlieben, neugierig bleiben, große Träume haben und uns über völlig kleine Dinge freuen.

Nicht erst dann, wenn alles wieder gut ist.

Sondern jetzt, mitten im echten Leben.

Und vielleicht ist Glück manchmal genau das. 💛☀️

Alles Liebe,
deine Tina

Tina Hötzendorfer